BERUFSVEREINIGUNG BIOGRAFIEARBEIT
auf Grundlage der Anthroposophie e. V.

Aktuelles

Ich und Welt

Die gesellschaftspolitische Dimension der Anthroposophischen Biografiearbeit

Das Motiv, sich mit der eigenen Biografie zu befassen, entsteht zumeist in einer persönlichen Krise: Es geht nicht mehr so weiter. Ich muss mich sortieren und neu orientieren in dem Woher und Wohin des eigenen Lebenswegs.

In der Arbeit an der eigenen Biografie bleibt es aber nicht aus, folgenden grundlegenden Lebenstatsachen zu begegnen:

1. Mein eigenes individuelles Werden ist verwoben mit einem großen familiären und (realen) sozialen Netzwerk: Ganz viele Menschen haben dazu beigetragen, dass ich werden konnte. Ohne sie hätte ich nicht Ich werden können. Friedrich Heinrich Jacobi, ein Zeitgenosse Goethes, drückte es prägnant so aus: „Ohne Du ist das Ich unmöglich“.


2. Ich begegne biografischen Gesetzmäßigkeiten, die weit über mein persönliches, individuelles Leben hinausgehen und mich erkennen lassen: Ich bin Teil des Großen Ganzen, der Welt.
Ziel der Biografiearbeit ist zunächst Selbsterkenntnis, die sich aber erweitert zur Welterkenntnis.

Rudolf Steiner hat in der Zeit des politischen und wirtschaftlichen Zusammenbruchs nach dem Ersten Weltkrieg versucht, zur Heilung der Sozialen Frage eine neue Betrachtungsweise in die Welt zu bringen: „Die Dreigliederung des Sozialen Organismus“, indem er die Ideale der Französischen Revolution wieder aufgriff, sie aber neu zuordnete: Freiheit im Geistesleben, Gleichheit im Rechtsleben, Brüderlichkeit im Wirtschaftsleben.

Diese Bewegung, die Dreigliederung damals direkt in die politische und wirtschaftliche Neuorientierung einzubringen, ist gescheitert. Rudolf Steiner musste erkennen, dass die Menschen erst dazu erzogen werden müssen, neue Gedanken denken zu können, um die politischen und sozialen Verhältnisse menschengemäßer gestalten und ordnen zu können: Daraus ist die Bewegung der Waldorf-Pädagogik entstanden, in der nicht die zu lernenden Inhalte, sondern die Bildung, die Entwicklung des Menschen im Mittelpunkt steht: Erziehung als Grundlage für eine Veränderung der Gesellschaft.

Anthroposophische Biografiearbeit, d. h. Arbeit an der eigenen Biografie, ist die Fortführung dieser Erziehung durch eigenverantwortliche Selbsterziehung. Auch Biografiearbeit dient durch Selbsterkenntnis und Welterkenntnis der Entwicklung des Bewusstseins – bewussten Seins – und kann so zu einer Veränderung der gesellschaftspolitischen Grundbedingungen beitragen.

Dass eine dringende Notwendigkeit besteht, die zwischenmenschlichen, politisch-rechtlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse in der Welt zu verbessern, wird jeder sehen, der wach und mitfühlend auf die Ereignisse auf der deutschen, europäischen und globalen Bühne schaut: Man sieht Unfreiheit im Geistesleben bis hin zum religiös motivierten bewaffneten Kampf, gesellschaftspolitische, stark von wirtschaftlichen und zunehmend wieder nationalen Egoismen dominierte Ungleichheit im Rechtsleben und eine sich immer weiter öffnende Schere zwischen Arm und Reich mit Spannungen weltweit durch Egoismus statt Brüderlichkeit im Wirtschaftsleben.

In einer persönlichen biografischen Krise mag man ähnlich erschüttert sein wie in der Wahrnehmung der derzeitigen Welt- und Menschheitssituation.

3. Wenn man dieses tiefe Tal durchschreitet, kann etwas Drittes entstehen: Das Erleben des Ich-Keims, der aber nicht mehr abgeschottet als bloßes „Ego“ erlebt wird, sondern in dem das Erlebnis des Menschen an sich, des „Du“ und der Welt mitschwingt. Auch dieses ist trotz all den niedergehenden Erscheinungen zu erleben: mutige und mutmachende Mitmenschlichkeit und wirkliche „Globalisierung“: Verantwortlichkeit für das Ganze.

Novalis fasste diesen geheimnisvollen, paradoxen Zusammenklang in den Satz:  „Ich bin du.“

In dieser Erneuerung und Weitung des Ich kann Heilung liegen für die persönlichen und für die menschheitlichen Lebensfragen.

WELT UND ICH

Im großen ungeheuren Ozeane
Willst du, der Tropfen, dich in dich verschließen,
So wirst du nie zur Perl zusammenschießen,
Wie dich auch Fluten schütteln und Orkane!
Nein! Öffne deine innersten Organe
Und mische dich im Leiden und Genießen
Mit allen Strömen, die vorüberfließen:
Dann dienst du dir und dienst dem höchsten Plane!
Und fürchte nicht, so in die Welt versunken,
Dich selbst und dein Ur-Eignes zu verlieren:
Der Weg zu dir führt eben durch das Ganze!
Erst wenn du kühn von jedem Wein getrunken,
Wirst du die Kraft im tiefsten Innern spüren,
Die jedem Sturm zu stehn vermag im Tanze!

FRIEDRICH HEBBEL


Albert Schmalhofer